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Von Souvenirs und Reiseandenken

„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Matthias Claudius

Claire Rüffer

Ob ein I-Love-Shirt, eine Muschel vom Strand oder ein Kühlschrankmagnet – die meisten kehren aus dem Urlaub mit dem ein oder anderen Souvenir im Gepäck zurück nach Hause. Egal, wohin man reist, vor den blinkenden Touristenshops mit ihrer riesigen Auswahl an Nippes und dem mit Städtenamen bedruckten Zeugs scheint es kein Entkommen zu geben. Auch wenn man versucht, sich ihr zu entziehen, hat die bunte Massenware einen gewissen Charme und das Verlangen ist groß, das ein oder andere zu kaufen, um das Erlebte über die Reisezeit hinaus festzuhalten. Souvenirs, so könnte man meinen, sind eine Begleiterscheinung des modernen Massentourismus. Das Sammeln von Reiseandenken ist jedoch ebenso alt, wie das Reisen selbst. Seitdem Menschen reisen, haben sie das Bedürfnis, ihre Erinnerungen für sich selbst und für andere in Form verschiedenster Gegenstände festzuhalten und so zu materialisieren. Schon im Mittelalter florierte das Souvenirgeschäft. Wallfahrer sammelten auf ihren Reisen Pilgerzeichen, um ein Stück des Wallfahrtsortes immer bei sich zu tragen, aber auch, um den Daheimgebliebenen einen materiellen Beweis für ihre Abenteuer zu liefern.

Heute gehört der Verkauf von Reiseandenken zum Dienstleistungsangebot jeder größeren touristischen Destination, und sie sind beliebter denn je. Eine Umfrage aus dem Jahr 2017 zeigte, dass 84 % der deutschen Reisenden im Urlaub Souvenirs kauften. Reisende aus anderen europäischen Ländern erwiesen sich als ebenso Souvenir-kauffreudig, mit Prozentzahlen bis zu 97 % etwa bei Reisenden aus Spanien. Abseits von den massenproduzierten Produkten aus Touristengeschäften können aber auch nicht kommerzielle Gegenstände die Funktion eines Souvenirs übernehmen. Eine Muschel vom Strand oder eine gefundene Feder an der Ostsee können ebenso als Erinnerungsstücke dienen wie Einheitsware. Souvenirs müssen auch nicht offensichtlich mit der Region zu tun haben, aus der sie stammen. Ein Paar Socken, die man sich auf der Reise gekauft hat, weil man ohnehin neue brauchte, können zum Souvenir werden, wenn sie einen im Nachhinein an die Reise erinnern. Getreu dem französischen Wortstamm „se souvenir“ (sich erinnern) sind Souvenirs materielle Erinnerungsstützen. Bevor sich der Begriff im 19. Jahrhundert als Synonym für Reiseandenken etablierte, diente er der Beschreibung eines Gegenstandes, der der Vergegenwärtigung einer Person dienen sollte; die Haarlocke im Medaillon etwa. Die persönliche Erinnerung ist auch heute noch eine zentrale Eigenschaft des Souvenirs. Außenstehenden sagen die Objekte daher meistens nichts. Ein Eiffelturm-Anhänger ist für sie nicht mehr als kitschiger Krimskrams, der Besitzer jedoch verknüpft mit ihm den Spaziergang an der Seine, den Duft von frisch gebackenen Croissants, die französische Sommerliebe. Erst die Erinnerung, die ganz persönliche Geschichte, die man mit dem Objekt verknüpft, macht das Souvenir zum Souvenir.
Die Dinge, die von Reisen zurückkehren, erzählen Geschichten – von Reisehighlights und Urlaubs- Pannen, vom gestrandet sein und Vorankommen, von Heimweh und Abenteuerlust. Um einen Einblick in diese Geschichten zu bekommen, habe ich mit verschiedenen Menschen über ihre liebsten Reiseandenken gesprochen und darüber, was Reisen für sie bedeutet.

Laura, 25

Holzpferdchen aus Schweden

Laura zeigt mir eine kleine Holzfigur, ein Pferdchen, das sie vor 8 Jahren von einem Familienurlaub in Schweden mitgebracht hat. Es ist ein Dalapferd, ein beliebtes schwedisches Souvenir, das sich klassischerweise durch seine rote-blaue Färbung und aufgemalten Sattel und Zaumzeug kennzeichnet. Wo genau sie das Pferd auf der Rundreise gekauft hat, weiß sie nicht mehr. Obwohl sie zu der Zeit des Urlaubs schon in der Oberstufe war, sei der Besuch in Schweden wie eine Reise in die Kindheit für sie gewesen. Schon als kleines Kind war sie ein großer Fan von den Geschichten von Astrid Lindgren, besonders von Pippi, Michel und Madita. Wenn sie das Pferdchen ansieht, vermischen sich Erinnerungen von der Rundreise mit ihren Eltern mit Bildern aus der Verfilmung von Ferien auf Saltkrokan, und wir Kinder aus Bullerbü. Das Pferdchen stünde auch weniger für
den einen bestimmten Urlaub mit ihren Eltern, als für ihre Kindheit an sich – für die Welten in die sie früher so gerne abgetaucht ist. Das Pferdchen, so meint Laura, „ist ein Stück Schweden für
mich. Was ja total kitschig ist, aber den Sinn haben Souvenirs ja irgendwie auch.“
Die Dalapferde stammen traditionell aus der schwedischen Region Dalarna. Dort wurden sie seit dem 17. Jahrhundert als geschnitztes Holzspielzeug hergestellt. Die grobe Holzarbeit war eine der wenigen Handwerkskünste, die sich trotz eisiger Temperaturen und düsteren Wintermonaten verrichten ließen. Außerdem ließ sich das Spielzeug zahlreich verkaufen und die Produktion war günstig. Heute werden die Holzpferde massenweise produziert und von unzähligen Touristen als
Schweden-Souvenir gekauft. Dalapferde, wie das von Laura, stehen vermutlich weltweit in Tausenden von Regalen und trotz ihrer einheitlichen Oberfläche sind in jedem einzelnen von ihnen ganz persönliche Geschichten verkapselt.
Massenproduzierte Souvenirs existieren in zwei Realitäten, beziehungsweise können sie aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Erstere ist, wie bereits beschrieben, die Perspektive des Reisenden, für den das Objekt ein ganz persönliches Erinnerungsobjekt ist. Die andere Perspektive ist die der Hersteller. Aus ihrer Sicht ist das Souvenir ein Massenprodukt, das an Touristen vermarktet und in Geschäften verkauft wird, das Tauschwert, aber keinen emotionalen Wert, hat. Diese zwei Perspektiven schließen sich jedoch nicht gegenseitig aus. Wie Lauras persönliche Verbindung zu ihrem Pferdchen zeigt, können massenproduzierte Souvenirs einen ebenso hohen persönlichen Wert besitzen, wie einmalige Souvenirs. Ihre Einmaligkeit bestimmt sich dann nicht über ihre Oberfläche, sie ist einheitlich und austauschbar, sondern ausschließlich durch die Erfahrung des Besitzers, die er auf das Objekt projiziert.
In der jüngeren Tourismusforschung genießt der Souvenir-Begriff daher auch eine erweiterte Definition. Die Tourismusforscher K.K. Swanson und D.J. Timothy schlagen in ihrem 2011 publizierten Artikel Souvenirs - Icons of Meaning, commercialization and commoditization vor, neben gefundenen Dingen, wie Pflanzen und Steinen, die schon seit Jahrtausenden als Erinnerungsobjekte aufbewahrt werden, auch nicht gegenständliche Dinge als Souvenirs zu betrachten, insofern sie eine erinnernde Funktion übernehmen. Etwa Tattoos, die auf einer Reise entstehen, oder der Bart, den man sich im Urlaub wachsen lässt, der Schnupfen, den man sich eingefangen hat, bis hin zu dem Lover, den man aus dem Urlaub zurückbringt.

Joana, 63

Kappe aus San Francisco

Joana muss bei der Frage danach, ob sie ein Lieblingsreiseandenken hat, nicht lange überlegen. Sie war schon viel in der Welt unterwegs und hat bereits viele Dinge von ihren Reisen mit nach Hause gebracht. Keines dieser Dinge hat jedoch solch einen hohen Stellenwert für sie wie eine Kappe, die sie Anfang der 80er Jahre in San Francisco gekauft hat. Die blau-schwarze Kappe, deren Nähte vom vielen tragen bereits aufgehen, deren Schirm schon lange seine Form verloren hat, lässt von außen keine Besonderheit erahnen. Für Joana jedoch ist sie „das ultimative Zeichen für Freiheit, dafür, dass alles möglich ist.“ Als sie die Schirmmütze gekauft hat, war sie Anfang 20 und am Ende ihres einjährigen Studienaufenthalts in den USA. Es war eine Lebensphase voller Umbrüche. Erst vor Kurzem hatte sie beschlossen, ihr Studium zu wechseln, die Rückkehr nach Deutschland stand bevor, die Liebesbeziehung ging zu Ende. Doch bevor es zurück nach Frankfurt gehen sollte, stand eine sechswöchige Radtour durch Kalifornien an. Am ersten Tag der Tour kaufte sich Joana den Hut an einem Touristenstand, von dem man auf die Golden Gate Brücke blickte – Startpunkt ihrer Radtour. In den folgenden sechs Wochen setzte sie die Kappe nur noch zum Schlafen ab. Es ging Tage lang bergauf und dann wieder Tage lang bergab, die Kappe war immer auf und der Fahrradhelm baumelte am Lenker. Wenn sie an die Radtour zurückdenkt, kommen ihr schweißgetränkte Klamotten und belohnender Fahrtwind in den Sinn sowie das Gefühl von „Unbesiegbarkeit und Herkulesstärke“. Außerdem ein von Nacktschnecken übersätes Zelt, aus dem man sich stundenlang nicht heraustraute und eine bedrohlich heran stampfende Kuhherde. Reisen, sagt Joana, ist eine der großen Konstanten ihres Lebens und ihre Lust nach dem Reisen ist bisher unerschöpflich. Außerdem hält es sie jung. Neue Orte zu bereisen fühlt sich für sie an, als würde man alle Zellen wieder neu auffüllen, alle Sinne aufs neu beanspruchen. „Es klingt vielleicht etwas pathetisch, aber Reisen hat fast etwas Schöpferisches für mich.“

Mina, 21

Silberkette aus Sri Lanka

Mina hat eine ähnliche Sicht auf das Reisen wie Joana: „Es geht mir beim Reisen hauptsächlich darum, neue Perspektiven einnehmen zu können, einen nüchternen Blick auf Dinge zu bekommen und um die Möglichkeit, sich von dem Gewohnten zu lösen. Darum, mit sich alleine zu sein, unabhängig von dem gewohnten Umfeld.“ Aus dem gewohnten Umfeld auszubrechen, wie Mina es beschreibt, ist ein sehr häufiges Motiv für Reisende. Die Kulturwissenschaftlerin Valene Smith beschreibt dieses Bedürfnis sogar als zentrale Eigenschaft des Reisenden. Sie beschreibt den Touristen, der hier Synonym mit dem Reisenden zu verstehen ist, als: „a temporal leisured person who voluntarily visits a place far away from home for the purpose of experiencing a change.“ Beverly Gordon ergänzt in ihrem viel rezipierten Essay Souvenir - The messenger of the extraordinary: „The tourist is concerned with a non-permanent, non-ordinary (extra-ordinary, in its most literal sense) experience.“ Am Zentrum des Reisenden steht somit das Bedürfnis, aus dem

ordinären (oder profanen) Ort auszubrechen, um sich für einen begrenzten Zeitraum an einen nicht- ordinären (oder sakralen) Ort zu begeben. Der französische Ethnologe Van Gennep beschrieb 1960 die Übergabe von Mitbringseln als Teil eines Wiederaufnahmerituals der Reisenden in ihr gewohntes Umfeld. Der Tourist, der sich an einen sakralen Ort begibt, bringt bei der Rückkehr Geschenke für die zurück, die an dem ordinären Ort verblieben sind. Gordon erklärt das Phänomen, dass man als Reisende*r oft das Gefühl hat, nicht ohne mindestens „etwas“ heimzukehren, eben damit, dass das Mitbringsel eine kulturelle (Wieder-) Eintrittsgebühr ist. Zurück zu Mina.
Mina erzählt mir von ihrer einmonatigen Sri Lanka Reise, die sie Anfang dieses Jahres mit zwei Freundinnen unternommen hat und der Kette, die sie von dort nach Hause gebracht hat. Sie trägt
sie, während ich mit ihr spreche, und überhaupt habe ich sie seit der Reise keinen Tag ohne die
Kette, deren kreisförmiger silberner Anhänger stets auf ihrer Brust liegt, gesehen. Mina hat sich den Anhänger von einem Schmied in einer kleinen Werkstadt anfertigen lassen, der ihr von einer ihren vielen Reisebekanntschaften empfohlen wurde. Die Idee, ihre eigenen Erfahrungen in Form eines Schmuckstücks festzuhalten, gefiel Mina, sie musste sich nur noch ein Motiv ausdenken. An einem Tag, gegen Ende der Reise war es Vollmond und Mina und ihre Freundinnen beschlossen, dass sie diesen Abend feiern wollten. Nicht aber mit Alkohol und Party, sondern in Form verschiedener Rituale, oder wie Mina es beschreibt: „Mit so Eso-Zeugs halt.“ Sie haben sich „vom Mondlicht aufladen lassen und von altem Ballast getrennt“ und waren anschließend im silbernen Mondlicht
nackt baden. Der Abend hätte etwas in ihr hinterlassen, meint Mina. Das Gefühl einer neu gewonnenen Energie, der Selbstbestimmtheit und der innigen Vertrautheit mit den Freundinnen. „Ich fand das Erlebnis so schön, ich wollte es unbedingt festhalten.“ Das Motiv für den anzufertigenden Anhänger stand damit fest. Eine silberne Scheibe mit feinen Details, wie der Vollmond in jener Nacht. Heute erinnert Mina die kühle Kette auf ihrer Haut an die feucht-tropische Luft auf der salzkrustigen Haut, den Geruch vom Meer und das Parfum ihrer Freundin, „das nach indischem Tuchladen und Räucherstäbchen riecht“ und hilft ihr, die Energie von dem Abend immer wieder zu
vergegenwärtigen.

Josephine, 27

Weißer Kieselstein vom Mittelmeer

Josephine erzählt mir von einem Souvenir, das sie zwar nicht mehr besitzt, an das sie aber dennoch des Öfteren denkt. Es handelt sich dabei um einen großen weißen Kieselstein, den sie vor knapp 10 Jahren in Griechenland in einer Bucht im Meer gefunden hat. Die Reise, von der der Stein stammt, sei eine ganz besondere Reise für sie gewesen, erzählt mir Josephine, denn es sei für sie „eine Reise der ersten Male“ gewesen. Josephine war damals kurz vor ihrer letzten Abiturprüfung. Um den bevorstehenden Abschluss zu feiern, plante sie mit den engsten Freund*innen einen Urlaub in Griechenland. Das war für sie aus verschiedenen Gründen etwas ganz Besonderes. Während die meisten in ihrem Umfeld zu dem Zeitpunkt schon am Mittelmeer gewesen waren, war es für sie das erste Mal. Dazu war es ihr erster Urlaub ohne Eltern, der erste selbst finanzierte Urlaub, das erste Mal im Hotel und auf einem Boot schlafen. Der Stein aus der Meeresbucht stünde heute repräsentativ für all diese ersten Male. „Ich weiß noch ganz genau, wie wir an dieser Bucht angekommen sind und ich mir dachte: Das ist der schönste Ort, an dem ich jemals war. Ich war komplett begeistert von allem, was ich sehen, riechen und fühlen konnte. Ich saß stundenlang im Meer und habe mir einfach nur meine Beine und Hände durch das Wasser angesehen, weil das Wasser einfach so klar war! Und dann lag da dieser schöne, weiße Stein und ich wusste, dass ich ihn als Andenken mitnehmen möchte.“ Heute nimmt Josephine immer noch Steine von Stränden mit. Dieser eine bestimmte Kieselstein jedoch steht für sie „symbolisch für Freiheit und ein Gefühl des Stolzes, dass man es endlich weiter weg als an die Ostsee geschafft hat.“ Den Kieselstein hat sie irgendwann nach der Reise ihrem Vater geschenkt, „weil er zum damaligen Zeitpunkt noch nie geflogen ist und ich wollte, dass er auch ein Stück Mittelmeer abbekommt.“
Josephines eindrückliche Erinnerung daran, wie sie den Stein entdeckt hat, zeigt, wie die Suche nach einem Souvenir ein ganz entscheidender Teil der Reise sein kann. Sobald man sich auf die Suche nach einem Reiseandenken oder Mitbringsel begibt, beschäftigt man sich automatisch intensiver mit der gegenständlichen Welt des Reiseortes. Manchmal ist es die Suche nach einem guten Mitbringsel, das einen an abgelegene Orte bringt oder zu neuen Bekanntschaften führt. Für Mina war die Fahrt in das abgelegene Wohngebiet und die Zeit, die sie mit dem sri-lankischen Schmied verbracht hat, ein bedeutender Teil der Reise gewesen, den sie ohne ihre Suche nach einem Souvenir nicht gemacht hätte. Auf der Suche nach einem Andenken bestaunte Josephine das Meer, die Bucht, die Natur und setzte sich mit den Dingen vor Ort auseinander, bis sie einen Stein sah, zu dem sie sich hingezogen fühlte. Die Suche nach einem geeigneten Souvenir kann große Freude
bereiten, denn zu dem Ausbruch aus dem Alltag gehört auch der Ausbruch aus den gewohnten Alltagsgegenständen.

Viktor, 23

Strandtuch mit Elefantenmotiv aus Brasilien

Viktor kauft im Urlaub eher selten Souvenirs. Sein Kaufverhalten im Urlaub, so meint er, ist eher praktischer Natur. Er kauft sich wenn dann Dinge, die er beim Packen vergessen hat. Eine Zahnbürste, eine Regenjacke, Flipflops. Diese Dinge haben für ihn in der Regel keinen besonderen sentimentalen Wert, mit der Ausnahme eines Strandtuchs, das er vergangenes Jahr von einer Reise aus Brasilien mitgebracht hat. Schon seit der Schulzeit war es ein Traum seiner Freundesgruppe, gemeinsam nach Brasilien zu reisen. 2023 klappte es endlich und sie saßen gemeinsam im Flieger nach Südamerika. Als die Jungs zum ersten Mal gemeinsam den Strand in Copacabana besuchten und Viktor bemerkte, dass er kein Strandtuch mitgebracht hat, kaufte er sich eines an einem Souvenirstand. Zwischen den vielen gelb-grünen Tüchern suchte er nach einem, das „möglichst wenig nach Brasilien aussieht“. Er möchte ungern als Tourist erkannt werden und entschied sich für ein Exemplar mit Elefantenmotiv ohne offensichtlichen Brasilien-Bezug. Heute erinnert Viktor das Strandtuch an die brasilianische Hitze, an Schweiß, der sich auf der braun gebrannten Haut perlt, an den erfrischenden Geschmack von Agua de Coco und den Geruch von gebratenem Fleisch. All das, obwohl es einst nur einen praktischen Zweck erfüllen sollte. Das Strandtuch begleitet Viktor heute oft, vor allem wenn er in den Park oder an den See geht. Zugegeben, die Wiese im Volkspark Schöneberg und das Wasser im Plötzensee sind nicht der brasilianische Strand, sobald man auf dem Tuch liegt, lässt sich jedoch ein gewisses Urlaubsgefühl heraufbeschwören.
Lea, 25
Magnetensammlung
Lea sammelt Souvenirmagneten. Wann sie damit angefangen hat, weiß sie nicht mehr genau, irgendwann aber wurde es zu einer bewussten Entscheidung von jedem Ort, den sie bereist, einen Magneten mitzubringen. Ursprünglich bewahrte sie ihre Schätze am Kühlschrank auf, doch das hat sich geändert. „Meine Mitbewohnerin hat die Angewohnheit, die Kühlschranktür so zuzuknallen, dass alle Magneten herunterfallen“, erklärt sie. Seitdem lagern die Magneten in einer Box im Keller. Magneten gehören neben Postkarten zu den weltweit beliebtesten Souvenirs. Sie werden besonders gerne gesammelt, ähnlich wie Postkarten, Patches oder Sticker, denn sie sind kostengünstig, klein und leicht. Selbst im vollgepacktesten Koffer findet sich immer noch Platz für einen Magneten. Zu Hause werden sie dann gerne an einem hervorgehobenen Ort präsentiert, etwa am Kühlschrank, an einer Pinnwand oder auf dem Fenstersims, wo sie nicht nur von dem Souvenirbesitzer, sondern auch von Gästen gesehen werden. Ein ganzer Forschungszweig hat sich aus der Tourismusforschung gebildet, der sich mit diesem „Nachleben“ der Souvenirs beschäftigt, also damit, wie Menschen ihre Souvenirs im eigenen Zuhause aufbewahren und präsentieren. Dabei geht es unter anderem um die Betrachtung von Souvenirs als Ausdruck der Identität des Besitzers, seiner Lebensweise und ökonomischen Lage. Die zuvor bereits erwähnten Tourismusforscher*innen K.K. Swanson und D.J. Timothy schreiben diesbezüglich: „The object acts foremost as a memory holder for the person, but beyond being a reminder, the souvenir also functions to express a person’s individuality and sense of self, group conformity, creativity and esthetic taste.“ Ferner weißt Burkhard Pöttler, Professor für Anthropologie und europäische Ethnologie, in einem Beitrag zu dem Nachleben von Souvenirs auf den Zusammenhang zwischen ökonomischer Situation und der Präsentationsform von Souvenirs im Eigenheim hin. So tendieren Menschen, die selten Reisen dazu, mehr Souvenirs zu kaufen und für sich und vor allem für Besuchende besonders sichtbar zu präsentieren. Reisen wird nach wie vor mit Luxus und Wohlhaben in Verbindung gebracht. In der Wohnung besonders sichtbar inszeniert, sozusagen als Reisebeweise, können Souvenirs also auch zu Statusobjekten werden.
Zurück zu Leas Magneten. Unter den Magneten befinden sich verschiedenste Motive, die alle auf die ein oder andere Weise auf den Reiseort hinweisen. Darunter sind bekannte Monumente, wie zum Beispiel die Freiheitsstatue, der Eiffelturm und Big Ben sowie Symbole, die auf einen lokalen Brauch verweisen, wie der Magnet aus Venedig, der sich mit einem Maskenmotiv auf die dortige Karnevalstradition bezieht. Im Falle kommerzieller Souvenirs, also den Dingen, die gezielt als Souvenirs vermarktet werden, ist der Bezug auf das Lokale zentral. In Hinsicht auf das Design von kommerziellen Souvenirs schreibt Franziska Nyffenegger: „Reiseandenken zeichnen sich in erster Linie durch ihre symbolkommunikativen Funktionen aus: Sie verweisen zeichenhaft auf einen bestimmten Ort [...]. Die Gestaltung von Souvenirs kann sich nicht an einem pragmatisch- praktischen Nutzen orientieren, sondern hat zuallererst einen symbolischen Inhalt zu

materialisieren“. Für die Tourismusbranche sind Souvenirs ein nicht zu unterschätzender Wirtschaftsfaktor. Neben der direkten Einnahmequelle durch den Verkauf dienen sie dem Imagetransfer des Ortes. Als kleine Werbebotschafter für die Tasche haben sie einen großen Einfluss auf die Wahrnehmung der Reisedestination im Ausland. Die Geschichten, die Zurückgekehrte im Heimatland erzählen, haben einen großen Einfluss darauf, ob weitere Menschen die Reisedestination besuchen. Das Souvenir hilft die Reisedestination zu bewerben, indem es im Ausland verschenkt wird und anhand ihnen im Moment der Übergabe Reisegeschichten geteilt und potenzielle Reiseempfehlung ausgesprochen werden. „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“, dichtete Mathias Claudius einst. Das gilt immer noch und am besten geht das anhand eines Mitbringsels. Damit Souvenirs von möglichst vielen Reisenden gekauft werden, müssen sie außerdem den Erwartungen der Touristen entsprechen. Ihr Design steht daher immer in einem Spannungsverhältnis zwischen eigentlicher kultureller Tradition und den (oft auf Klischees basierenden) Erwartungen der Touristen.

Viviane, 30

Fotosouvenirs

Viviane kommt bei meiner Frage danach, ob sie ein Lieblingssouvenir hat, ins Grübeln. „Eher nicht“, meint sie, „Ich mache vor allem viele Fotos, statt Souvenirs zu kaufen. Von schönen Ansichten, leckerem Essen, aber auch von belanglos erscheinenden Dingen, einfach weil ich mich an den Moment oder das Gefühl, dass ich in dem Moment erlebe, erinnern möchte.“ Urlaubsfotos sind, wie Souvenirs, eine Möglichkeit Reiseerinnerungen festzuhalten und zu bewahren. Seit der Erfindung des Fotoapparates ist die Reisefotografie ein beliebtes Genre und seit dem Aufkommen des Smartphones ist das Aufnehmen, Festhalten und Teilen besonderer Urlaubsmomente einfacher denn je. Fotografieren und der Kauf von Souvenirs sind zentrale Aspekte der globalen Reisekultur. Egal, wer von wo wohin in den Urlaub fährt, die allermeisten kaufen Souvenirs und machen Fotos. Die Fotografie eignet sich sehr gut, um sich an Momente zu erinnern, vor allem heutzutage, wo wir alle einen Fotoapparat in der Hosentasche haben, mit dem wir beliebig viele, kostenfreie, Erinnerungsfotos knipsen können. Warum dann noch Geld für materielle Andenken ausgeben, die dann auch noch Platz im Gepäck wegnehmen? Egal, wie praktisch sie sind, die Fotos in der Camera Roll haben eine große Schwachstelle, denn sie haben keine Form. Materielle Reiseandenken hingegen geben den Erinnerungen einen Körper und geben ihr einen Platz in der Welt, außerhalb der eigenen Gedanken. Die Auslagerung der Erinnerung in die dingliche Welt hilft dabei, die Erinnerung festzuhalten und dem unweigerlichen Prozess des Vergessens entgegenzuwirken. Erinnerung und Vergegenwärtigung
Souvenirs stellen etwas ganz Besonderes in unserer materiellen Welt dar. Als Speichermedium von Erinnerungen liegt ihre Bedeutung fernab von ihrem ökonomischen Wert. Ob Massenware oder Unikat, es ist die Selbstbekräftigung – die mit dem Objekt verknüpfte Erinnerung – die ihren Wert bestimmt. Ihre zentralen Eigenschaften – Erinnerung und Vergegenwärtigung – sind unsichtbar. Der Wandel vom alltäglichen Objekt zum Souvenir erfolgt ausschließlich durch die emotionale Verbindung zwischen Objekt und Besitzer. Erst durch den Willen des Besitzers, seine Erinnerungen mit diesem bestimmten Objekt zu verknüpfen und zu materialisieren, wird das Souvenir zum Souvenir.
Souvenirs haben die Fähigkeit, zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Realität und Gedankenwelt zu vermitteln. Sie sind Fragmente der Vergangenheit und haben somit die besondere Fähigkeit, vergangene Reiseerlebnisse, Orte und Personen, in der Gegenwart wieder lebendig werden zu lassen. Sie können kitschig sein, bunt, billig, denn dem Besitzer geht es bei ihnen nicht um normative Ästhetik, sondern um intime Erinnerungen. Selbst massenproduzierte Objekte können durch die persönlichen Erinnerungen ihre Einmaligkeit zurückgewinnen. An tausenden Eiffelturmagneten hängen tausende unsichtbare einzelne Geschichten. Um sie zu erfahren, muss man nur nach ihnen fragen.



Credits

TEXT BY
Claire Rüffel

AI ARTWORKS BY
Alexey Meiertal