Letztes Jahr habe ich mich im Petersdom verirrt. Die Hälfte meiner Italienreise und somit unzählige Kirchenbesuche hinter mir, und doch betrat ich die Papstbasilika und verlor staunend die Orientierung. Die Größe des Gebäudes war überwältigend. Die Wände ragten fast bedrohlich empor, schlossen sich zu Gewölben, an denen minuziöse Mosaike glitzerten, jeder Winkel triefte mit Gold, Kitsch und Kostbarkeit. Mir war schwindelig. Den Rest des Tages verbrachte ich mit einer leichten Identitätskrise. Ich hinterfragte erfolglos den Mangel an Glauben, den ich schon immer genossen habe - wenn Menschen so etwas erschaffen können, muss an der Bibel schon was dran sein, oder? Für die Bekehrung zum Christentum hat es nicht gereicht, eine tiefere Wertschätzung für Kirchen und sakrale Kunst generell hat der Vatikan aber verfestigt.

Bevor ich Richard in seinem Atelier kennenlerne stalke ich fleißig seine Instagram Seite und meine, dort Einflüsse der christlichen Kunst zu erkennen. Besonders das Bild The Circle of Life erinnert an Szenen des Fegefeuers, dem jüngsten Gericht und der Hölle. Nackte Körper stapeln und zerren sich, die Glieder lösen sich auf und die Gesichter verschwimmen.
Richard bestätigt meinen Verdacht und erzählt mir von seiner Vorliebe für sakrale Kunst. Trotz atheistischer Erziehung sind wir uns einig, dass Kirchen ein Gefühl von Ruhe und Geborgenheit (oder eben Schwindel) übermitteln können. Aber nicht nur das Übermenschliche, mystische fasziniert, Format und Technik beeinflussen seine Kunst ebenso.
Er erzählt mir von der Sfumato-Technik, die er benutzt; nach und nach trägt er dünne Farbschichten auf, wodurch die Farben lebendiger aussehen. Als ich ihn frage, warum er diese sorgfältige Technik nutzt, nennt er unter anderem die Meister der Renaissance und des Barocks. Die möchte er aber nicht nachahmen, sondern mit einer alten Technik Neues schaffen. Und das braucht Zeit. Die angewendete Technik ist nicht nur durch die vielen Schichten aufwendig, Ölfarben brauchen dazu auch noch ewig trocken zu werden. Den Zeitaufwand nimmt Richard gerne, sogar mit Absicht, in Kauf. Sein Kunsthandwerk soll ein Gegenstrom zur Konsumkultur sein – das machen, machen, machen, dass auch die Kunstwelt immer weiter in ihren Bann zieht.
Als ich Richard kennenlerne, und mir The Circle of Life und seine Skizzen genauer anschaue, stelle ich fest, dass bei vielen seiner Werke die Gesichter vergleichsweise nur grob ausgearbeitet oder gar nicht zu sehen sind. Gesichter zu malen erprobe er gerade, erstmal im kleineren Format. Die Malweise der Gesichter in seinen Werken ist ein Bezug zu Derealisationserfahrungen, von denen er mir erzählt. Es geht um das Gefühl, seine Mitmenschen vereinzelt nicht erkennen zu können, die Gesichter verschwimmen und verzerren sich, werden zu Fremden. Ein ziemlich geschmackloser Einfall des Gehirns und eine Erfahrung, die ich selber, vor allem von meinem Spiegelbild, zu gut kenne.
Bei unserem zweiten Treffen ist das Erproben vorbei. In Richards jüngeren Werken ist das Gesicht, umgeben von collageartigen Elementen, der Mittelpunkt. Die Zusammenstellung seiner Gemälde kommt vor allem durch die Fotogalerie seines Handys zustande – dort sind um die 200.000 Fotos gespeichert, die er per Photoshop zu Collagen verarbeitet und dann auf die Leinwand überträgt. Das Verzerrte erkenne ich jedoch auch bei den neueren Gemälden wieder, insbesondere Hate is a Cold Star. Obwohl die Konturen des Gesichts, das sich über die gesamte Fläche der Leinwand streckt, feiner ausgearbeitet sind, wirkt es in Verbindung mit den restlichen Schichten verschwommen. Die Schichten leuchten untereinander hervor, sodass das Werk eine Tiefe bekommt, die einen zum Innehalten auffordert.
