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Malerei als Selbstzweck

Interview

"Ein Bild bleibt eben immer nur ein Bild. Man arbeitet zwei Wochen daran, und am Ende sagt es fast nichts aus.“

Max Grote in conversation with Julius Sebastian Führ

Ob als fesselnde Darbietung, als Wolfsmutter mit den Zwillingen Remus und Romulus oder in einer babyhaften Figur - Max Grote, ein Berliner Maler, bringt sich selbst immer wieder ins Zentrum seiner Kunst. Der 2003 geborene Künstler studierte von 2022 bis 2024 an der Kunst- hochschule Berlin Weißensee und setzt seit 2024 seine Ausbildung an der Hochschule für bildende Künste Hamburg fort. Selbstbewusst und ambitioniert verfolgt Grote große Ziele, sowohl mit seiner Kunst als auch mit sich selbst. Das zeigt sich nicht nur in seinem Blick und seinem Auf- treten, sondern auch in der Art, wie er sich malt: als Protagonist seiner eigenen Werke. Welche Geschichte erzählt das eigene Gesicht, wenn es immer wieder zur Leinwand wird? Ist es ein Erzähler oder vielleicht ein innerer Dorian Gray? Ich habe Max Grote getroffen, um mit ihm über sein Kunstverständnis zu sprechen. Über einzelne Arbeiten spricht er nur ungern, doch zwischen den Zeilen lassen sich überraschende Ein- blicke entdecken.

Max Grote

Porträt
von Moritz Dietrich

in Hamburg

Max Grote: Im Endeffekt ist das so eine Art Arbeitsverweigerung. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum ich zur Kunst gekommen bin. Ich hatte immer ein riesiges Problem mit Autoritäten oder mit vorgegebenen Arbeitsabläufen. Wenn man sein Leben gestalten will, bleibt nicht mehr viel übrig – die Frage nach Malerei wird zweitrangig. Es geht eher darum, Kunst zu machen oder etwas zu schaffen, das nur einem selbst dient.

Julius Führ: Das heißt, du vertrittst die Haltung
„l’art pour l’art“ – Kunst um der Kunst willen?

M: Ja, das ist im Optimalfall der Kunstbegriff. Meine Arbeit steht auch immer im Dialog mit der Kunstgeschichte und anderen Zeitgenossen und das ist in Kunst um der Kunst Willen eingeschlossen.**

J: Es ist ein Kunstbegriff, nicht der Kunstbegriff.

M: Ja, aber es ist mein Kunstbegriff.

J: Du meinst also, Kunst als Selbstzweck sei die einzig wahre Form?

M: Für mich auf jeden Fall. Natürlich gibt es auch Kunst, die ein Thema aufgreift oder einen politischen Zweck erfüllt. Aber das interessiert mich nicht besonders.

J: Was ist dann deiner Meinung nach die Aufgabe von Malerei oder MalerInnen?

M: Sich der Gesellschaft zu verweigern. Das ist die Aufgabe der Kunst.

J: Indem sie malen?

M: Ja, indem sie malen oder irgendetwas Sinnloses schaffen. Deshalb rede ich auch nicht so gerne über einzelne Arbeiten, sondern lieber über größere Zeiträume. Denn die Bildproduktion an sich ist ja, ehrlich gesagt, völlig idiotisch. Ein Bild bleibt eben immer nur ein Bild. Man arbeitet zwei Wochen daran, und am Ende sagt es fast nichts aus.

J: Glaubst du nicht, dass ein Bild ein Leben verändern kann?

M: Nein.

J: Hattest du nie den Moment, vor einem Kunstwerk zu stehen und zu denken: „Ab jetzt ist mein Leben anders“?

M: Nein, auf gar keinen Fall. Hattest du diesen Moment?

J: Ja, auf jeden Fall.

M: Echt? Vor welchem Bild standest du?

J: Es war kein Bild. Anne Imhofs Performance ANGST II in der Hamburger Kunsthalle. Das war für mich ein unvergesslicher Moment, der mein Verständnis von zeitgenössischer Kunst bis heute geprägt hat.

M: Bei mir gibt es solche Schlüsselmomente nicht. Ich bin da einfach zu unemotional, als dass eine Arbeit mich so berührt, dass ich anfange zu weinen oder mein Leben sich verändert. Das hatte ich nie. Bei mir ist es mehr ein schleichender Prozess. Je mehr ich andere Kunst sehe, desto mehr Potenzial entdecke ich in mir selbst. Es bereichert mein Leben sehr, Kunst anzuschauen, aber es ist immer eher eine Serie von Arbeiten oder ein Lebenslauf, den ich interessant finde. Diese Dinge treten aber nie wirklich nah an mich heran. Stattdessen nehme ich mir eher ein paar Aspekte heraus, die ich betrachte.

J: Würdest du sagen, dass Kunst selbstreferenziell ist – nicht nur in deinen eigenen Arbeiten, sondern generell?

M: Ja.

J: Hat Kunst denn keine gesellschaftliche Aufgabe?

M: Nein. Ich glaube, das wird gerne von außen projiziert. Es heißt dann oft, Kunst müsse in diesen Zeiten politisch sein. Aber ich reflektiere Politik nie in meinen Bildern. Das wird zwar von außen oft hineininterpretiert, aber mir ist das egal. Ich finde nicht, dass Kunst politisch sein muss.

J: Politik ist doch eher etwas für Wahlplakate. In der bildenden Kunst muss man keine Wahlplakate malen. Aber hat Kunst nicht trotzdem einen gesellschaftlichen Zweck?

M: Vielleicht. Aber was meinst du, was dieser Zweck sein soll?

J: Du hast zu Beginn gesagt, dass Kunst sich gegen die Gesellschaft richtet, gegen die bestehende Norm – eine Form der Verweigerung, die ein Leben außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen anstrebt. Das trifft doch immer auf die jeweilige Zeit zu, in der Kunst entsteht, oder?

M: Das gilt jedoch erst, seit es keine Werkstätten mehr gibt. Ab dem Moment, als Kunst nicht mehr ausschließlich Handwerk war, sondern durch einen Auftrag oder eine bestimmte Absicht entstand, hat sie sich verändert – wie beispielsweise bei der Landschaftsmalerei.

J: Leben wir nicht in einer Zeit, in der vieles als gleichgültig wahrgenommen wird? Wäre es da nicht der richtige Ansatz, Kunst zu schaffen, die sich bewusst gegen diese Gleichgültigkeit stellt? Also Kunst mit Bedeutung und Substanz?

M: Das ist die Frage, ob Verweigerung an sich schon ein Inhalt ist. Ob das nicht vielleicht ein politischer Kommentar ist.

J: Es ist auf jeden Fall eine Haltung.

M: Da macht die Gesellschaft dann aber eher etwas mit der Kunst als die Kunst mit der
Gesellschaft.

J: Aber das eine bedingt doch das andere.

M: Meinst du, weil es sonst keine Verweigerung gäbe?

J: Nein, was ich eher meine, ist, dass der Gedanke, Kunst als Selbstzweck zu betrachten, aus einer Zeit stammt, in der Kunst noch einen klaren Zweck hatte – sei es als Auftragsmalerei, Handwerk oder als Propaganda für die Kirche. Diese Befreiung führte zur autonomen Kunst. Susan Sontag wies in Against Interpretation darauf hin, dass man sich von der Überbetonung der Interpretation lösen sollte, um die ästhetische Erfahrung der Kunst nicht zu überlagern. Das war damals ein notwendiger Schritt, weil es das Gegenteil dessen war, was zuvor galt. Doch heute, in einer Zeit, in der es vielleicht zu viel Freiheit gibt, erscheint diese Autonomie belanglos. Und wenn Kunst belanglos wird, ist sie keine Kunst mehr.

M: Aber könnte man dann nicht sagen, dass Kunst seit Marcel Duchamps Fountain belanglos ist, weil schon alles abgehandelt wurde?

J: Nur weil etwas abgehandelt wurde, wird es nicht automatisch belanglos. Aber wenn man keinen neuen Inhalt oder keine Haltung hinzufügt, dann vielleicht schon.

M: Genau. Wenn man Kunst nur ästhetisch betrachtet, macht man etwas falsch. Dann wird sie zur Dekoration. Meine Arbeit hat aber Inhalt. Das ist etwas ganz anderes.

J: Und was ist das dann?

M: Das ist eine andere Frage.

J: Was ist der Zweck der Malerei?

M: Es gibt keinen Zweck. Der Zweck wird von außen bestimmt. Es heißt dann: „Deine Bilder sind dies oder das.“ Aber das ist nicht der Grund, warum ich male. Es gibt einen Unterschied zwischen dem Inhalt der Arbeit und der Arbeit selbst.

J: Es hängt vielleicht davon ab, was die Rezipienten mit den Bildern machen und welche Intention du hattest.

M: Das ist genau der Unterschied zwischen Malerei an sich und einer einzelnen Malerei.

J: Aber eine einzelne Malerei kann doch auch etwas auslösen.

M: Das mag sein, aber mir ist egal, ob sie das tut oder nicht.



Credits

Max Grote

TEXT BY

Julius Sebastian Führ