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Besuch im Studio von Matthias Gschwendtner

Matthias Gschwendtner

Matthias Gschwendtner TEXT BY GIULIANO WAI GING SAMMARRO

Das Produktdesign befindet sich seit einigen Jahren im Wandel. Man hat das Gefühl, dass sich die Branche in Teilen langsam von ihrem Ursprung emanzipiert – der Industrie. Immer mehr junge DesignerInnen beschreiten ihren eigenen Weg in der Designlandschaft und erschließen neue Möglichkeiten der Produktgestaltung. Gerade in Zeiten, in denen durch soziale Medien der private Innenraum immer öffentlicher wird, besteht bei vielen ein wachsendes Bedürfnis nach Individualität.
Abseits der Industrie schaffen diese DesignerInnen sich kreative Freiräume, in denen sie eigenständig neue Objekte kreieren. Aspekte wie Spaß, Humor und Irritation rücken verstärkt in den Fokus, bringen frischen Wind in die Branche und demonstrieren eine neue konzeptionelle Freiheit.

Matthias Gschwendtner zeichnet sich durch seine experimentelle Arbeitsweise und die Überschreitung klassischer Designkonventionen aus. Er bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design und schafft Objekte, die sowohl formalästhetisch als auch konzeptionell überzeugen. Seine Arbeiten reichen von Möbelstücken bis zu humorvollen Bronzeobjekten. Die Wahl unüblicher Materialien wie Bronze, welches überwiegend in der Kunst verwendet wird, verdeutlicht seine Abkehr von der traditionellen Designindustrie. Gschwendtner kritisiert diese auch offen: „Es geht mir um das formale Spiel“, sagt er. Seine Arbeiten sind formalästhetisch und schaffen ihr eigenes Konzept innerhalb ihres Kontextes. Ihn fasziniert die Idee, dass „Dinge ein Eigenleben bekommen, formal und visuell“. Der Prozess des Machens steht dabei immer im Vordergrund. Seine Werke werden häufig in Kunstgalerien ausgestellt und entstehen aus einem tiefen Verständnis für Materialität und Handwerk sowie aus einem intensiven Austausch mit seinem Umfeld. Beeinflusst durch die Kunstbranche arbeitet Gschwendtner eher unkonventionell für einen Designer.

Zur Vorbereitung des Artikels habe ich mich mit ihm in seinem Studio getroffen. Dieses teilt er sich mit anderen jungen DesignerInnen und befindet sich im Erdgeschoss des Turms “San Gimignano Lichtenberg“ vom Architekten Arno Brandlhuber. Auf der Dachterrasse unterhielten wir uns für einige Stunden über
seine Arbeit, was ihn beeinflusst und wie er arbeitet.

Aufgewachsen im ländlichen Bayern, wo Autos eine zentrale Rolle spielten, träumte er in seiner Jugend davon, Automobildesigner zu werden. Doch bald merkte er, dass ihn das klassische Industriedesign wenig reizt. „Eigentlich kann ich gar nichts mit klassischem Industriedesign anfangen“, sagt er rückblickend. Seine berufliche Wende kam während seines Masters an der Universität der Künste in Berlin, die für ihn eine Art „Erlösung“ darstellte. „Es ging am Ende um das Machen“, beschreibt Gschwendtner seine Befreiung von den konventionellen Regeln des Designs.

Seine Praxis begann mit seiner Masterarbeit, als ihm klar wurde, dass es ihm schon seit seiner Kindheit um das Machen ging. Inspiriert ist er von DesignerInnen wie Max Lamb, Soft Baroque, Joe Colombo und Ettore Sottsass. Alle diese Designer denken „um die Ecke“, können beobachten und genießen den kreativen Prozess, ohne sich in theoretischen Konzepten zu verlieren. Die “Birkenstühle”, seine erste eigenständige Arbeit, zeigen, dass es ihm nicht nur um die Idee an sich geht, sondern auch um die formale Freiheit im Designprozess. Diese Stühle waren eine Art Experiment, eine spielerische Auseinandersetzung mit Material und Form. Kurz darauf lernte er die Künstlerin Alicja Kwade kennen und begann für sie zu arbeiten. Kwade ist bekannt für ihre skulpturalen Installationen, in denen sie mit der Wahrnehmung von Zeit und Raum spielt. Dabei verwendet sie auch gerne Alltagsobjekte. Ihre Arbeitsweise und die konzeptionelle Tiefe haben einen großen Einfluss auf seine eigene Praxis. Beide teilen einen ähnlichen Zugang: „Das Machen und Umsetzen ist sehr präsent“, sagt Gschwendtner.

Seine Herangehensweise ist geprägt von einem ungezwungenen Gestaltungsprozess, der oft im Experiment und im direkten Machen entsteht. Sein Gemeinschaftsatelier bietet ihm den Raum und die Inspiration, die er für seine Arbeit benötigt. Denn der Austausch mit Leuten ist ein wichtiger Aspekt in seiner Arbeit. Er tauscht sich häufig mit Freunden, KünstlerInnen und KollegInnen aus, um ihre Meinungen einzuholen. Auch in den Werkstätten legt er darauf viel Wert. Diese Dialoge sind zentral für seine Projekte und bieten eine Grundlage für Bekanntschaften und Freund- schaften. „Meine Projekte leben von der Hilfe und vom Austausch mit Anderen”, sagt er, und genau diese Offenheit und Neugierde treiben ihn an.

Gschwendtner sieht die Freiheit im Designberuf im Kontrast zur Kunst vor allem darin, „eine Idee einfach umsetzen zu wollen, ohne konzeptionellen Druck zu haben“. Er betrachtet seine Designpraxis als Experiment und sieht sich selbst an einem interessanten, aber undefinierbaren Punkt in seiner Karriere. Dank der finanziellen Sicherheit, die ihm die Arbeit bei Kwade bietet, kann er seinen Projekten und deren Entstehungsprozess die nötige Zeit und Freiheit widmen. Seine beruflich bedingten Reisen, etwa nach Indien, haben ihm verdeutlicht, dass der Konsum die Menschen nicht unbedingt glücklicher macht. „Es geht ums Machen, um die Schönheit des Entstehens und den Austausch mit den Menschen, die daran beteiligt sind", erklärt er.

Er steht für eine neue Generation von DesignerInnen, die die Grenzen zwischen Kunst und Design aufweichen und den Fokus auf das Machen, Experimentieren und den Austausch legen. Seine Arbeiten sind nicht nur Objekte, sondern Experimente in Form und Material, die in einem ständigen Dialog mit ihrer Umgebung stehen. Indem er konventionelle Wege verlässt und sich auf das Unbekannte einlässt, schafft er einen Raum für Innovation und kreative Freiheit. Sein Ansatz zeigt, dass Design nicht nur ein Mittel zum Kreieren funktionaler Objekte ist, sondern auch eine Plattform für konzeptionelle und formale Erkundungen.