Die lebensgroßen Arbeiten von Dae Uk Kim sind ein Blickfang. Als Künstler, der in Südkorea geboren wurde und mittlerweile in Eindhoven lebt, thematisiert er in seinen skulpturalen Werken das Gefühl des Mutantentums – genauer gesagt, das Empfinden, ein Mutant innerhalb der normativen Gesellschaft und ihren verfestigten Rahmen und Schubladen zu sein. Liebevoll, aber auch eindringlich rüttelt er mit seiner Kunst an diesen strikten Vorstellungen und der vermeintlichen Normalität.
Ein Blick zurück in die 90er Jahre und die frühen 2000er Jahre offenbart, wie stark das Bild des Mutanten von Angst und dem Gefühl des Fremden geprägt ist. In seiner Analyse beschreibt Ulf Posch in der Ausgabe 158 des Kunstforums zur Transgenen Kunst, wie die Ungewissheit der Herkunft von Mutanten sie in die Tradition von Monstern und Freaks einreiht:
Die grotesken Erscheinungen der Mutanten torpedieren die Sehnsucht nach Idylle. Sie sind ein Dorn im empfindlichen und verängstigten Seelenfleisch derjenigen, die sich Normalität in einer Konstanz stetiger Lebensverbesserung erhoffen ohne von liebgewonnen, alten Vorzügen des Beschaulichen Abschied nehmen zu müssen.
In ihrer herausstechenden Erscheinung untergraben Mutanten in der Kunst zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Sehnsucht nach einer heilen Welt und provozieren vor allem jene, die Normalität und Kontinuität anstreben. Doch was zeichnet die Ästhetik von Mutanten in der Kunst heutzutage aus?
Mutanten im Jahr 2024 – Post-Internet – sind zunächst anstößig und frech. Sie sind herausfordernd, zugleich aber auch sensibel und weich. Zumindest die von Dae Uk Kim. Wie gewöhnliche Pflanzen strecken sich LUKAS und DAVID in die Höhe, Richtung Sonne, während sie auf runden, schwarzen Holzplateaus fußen. LUKAS besteht aus einem einzelnen, fleischfarbenen Stängel, der in einer blütenähnlichen Form aufgeht. DAVID hingegen besitzt eine Art Rückgrat – eine Wirbelsäule, die ein bis zum Boden reichendes, längliches Blütengebilde stützt. Die Blütenblätter wirken mutiert, sind vervielfacht und wie Ohren aufgespannt. Unter ihnen findet sich ein Ausreißer, ein gepierctes Läppchen. Sanft werden sie von dunklen Haaren gestreichelt, die sich wie ein Kranz um den Blütenkern legen. Hier zeigt sich, wie Dae Uk Kim in seiner Kunst das natürliche Phänomen der Fasziation aufgreift. Auch als Verbänderung bezeichnet, handelt es sich dabei um ungewöhnliches Wachstums bei Gefäßpflanzen. Senkrecht zur ursprünglichen Wachstumsrichtung bilden sich längliche, bandartige Blüten. Ausgelöst durch
entstehen in der Verbänderung und Anomalie wunderschön verdrehte und vielfältige neue
Formen. Eine ambivalente Ästhetik, die gegensätzliche Gefühle wie Ekel oder Lust
eine spontane Mutation, eine
genetische Störung oder Umwelteinflüsse, Bakterien, Viren oder Pilzbefall
hervorrufen kann. Diese Gegensätzlichkeit lässt sich gut unter dem Begriff des Grotesken vereinen.

Frances Connelly beschreibt das Groteske als eine Kraft, die kulturelle Grenzen bricht und somit Raum für neue ästhetische Erlebnisse schafft. Folgt man ihren Überlegungen, wird das Groteske am besten als Verb begriffen, als Aktion und nicht als „Ding“. Sie schreibt:
[W]hat the grotesque does best is to play or, rather, to put things into play. As visual forms, grotesques are images in flux: they can be aberrant, combinatory, and metamorphic. This visual flux is necessary but not sufficient in itself to define the grotesque because, at its core, the grotesque is culturally generated. Grotesques come into being by rupturing cultural boundaries, compromising and contradicting what is "known" or what is "proper" or "normal."
Die Ästhetik von Dae UK Kim’s Mutanten ist in diesem Sinn grotesk, da sie etwas in Bewegung setzt. Das Groteske zeigt sich dort, wo kulturelle und gesellschaftliche Grenzen gebrochen werden. Es schafft neue Formen für die faszinierende und gleichzeitig verstörende Darstellung des Wirklichen. Dabei entblößt es mehr als nur eine optische Abweichung vom Vertrauten und Bekannten, es widerspricht aktiv darstellerischen Erwartungen und stellt ästhetische Konventionen in Frage. Das Groteske wurzelt in der befremdlich pflanzenähnlichen- und zugleich menschlich-vertrauten Ästhetik der Kunstwerke und evoziert ambivalente Gefühle, von Unbehagen bis Begehren.
Dae Uk Kims Arbeiten sind mehr als nur skulpturale Kunstwerke; sie sind hybride Entitäten, die die Grenzen zwischen Mensch, Maschine und Natur verwischen. In seinen Stuhl- Skulpturen ELEKTRA und SIRI verschmelzen Elemente mechanischer Ästhetik mit menschlichen Schönheitsidealen. Während Reifen fleischig fluide ineinandergreifen und den Körper der Skulptur formen, steht alles auf hohen Lederabsätzen - auf Highheels. Gegenstände der Fortbewegung werden angehalten und triumphieren in ihrer mutierten Form – losgelöst von jeder Funktionalität, dafür mit dazu gewonnener Erhabenheit. Neben ELEKTRA und SIRI erscheint auch JENNIE: opulent, groß und elegant. JENNIE ist als Konsole nicht nur ein Möbelstück, auf dem Gegenstände abgestellt werden; sie erhöht im übertragenen Sinn den Wert und die Bedeutung dessen, was auf ihr platziert wird. Die fusionierten Formen spielen mit Wertschöpfung und der Steigerung von Schönheit – einer aktiven Verschönerung. Befreit von Sinn und Zweck funktionaler Strukturen und losgelöst vom Begehren heterosexueller Männer, entsteht aus Schönheit etwas Neues. Neben dem Grotesken ist das Hybride ein weiterer Term, der die ungewöhnliche Form und Ästhetik der Kunst gut beschreibt. Hybridität bedeutet in diesem Kontext das Verschmelzen (vermeintlicher) Gegensätze.

Der queere Künstler widmet sich dabei dem, was in einer heteronormativen Gesellschaft traditionell Frauen vorbehalten ist. Die Aneignung dieser ritualisierten Verschönerungsgesten wird für ihn zu einem Befreiungsschlag von äußeren Normen, die queere Körper – wie den eines homosexuellen Mannes – im Alltag einschränken. Ob mit High Heels oder langen Haaren, die Mutanten emanzipieren sich von festgefahrenen Idealen und werden zu Stellvertretern für die Wünsche und Träume des Künstlers. In der grotesken, hybriden Geschlechtlichkeit der Mutanten schwingt so auch eine sexuelle Selbstbefreiung mit. Die Verschönerung dient nicht länger dazu, die Erwartungen und das Verlangen Außenstehender zu erfüllen. Vielmehr scheint es, als würden die Mutanten in ihrer neu gewonnenen Erhabenheit vor allem sich selbst begehren. Diese Hybridität lässt sich auch auf die ambivalente Geschlechtlichkeit der Mutanten übertragen. Wie Labien umarmen die zwei blätterähnlichen Ohren bei LUKAS die beiden braunen, phallischen Kolben in seinem Inneren. Zwischen den Blütenstaubträgern und der Blüte wächst auch hier ein weicher, dunkler Haarbusch. Erinnert LUKAS den Künstler an eine Anthurie – oder die Anthurie ihn an LUKAS? Die Titel der Kunstwerke spielen für Dae Uk Kim eine besondere Rolle. Als reale Namen, die eng mit vertrauten Personen aus dem Umkreis des Künstlers verbunden sind, tritt jeder einzelne Mutant als individueller Charakter auf.
Die Mutanten von Dae Uk Kim sind flauschig, fleischig und technisch, doch sie kommen mit einer solchen Selbstverständlichkeit daher, dass es den Anschein hat, als würden sie ganz natürlich in ihre hybriden Formen hineinwachsen. Dennoch stockt der Blick bei ihrer glatten, glänzenden Oberfläche. Wenn die Augen diese Oberfläche abtasten, erscheint sie durch einzelne Schattierungen immer wieder wie ein verpixeltes Bild, das noch nicht vollständig geladen ist. Ein optisches Verharren, eine sichtbare Irritation, die zusätzlich zur grotesken, hybriden Ästhetik ein weiteres visuelles Störmoment erzeugt. LUKAS und DAVID, ELEKTRA, SIRI oder JENNIE – sie sind, im Sinne der Autorin und Kuratorin Legacy Russell, glitchende Erscheinungen. Glitches als ästhetische Widerhaken einer glatten Fassade. Glitches in ihrer Fähigkeit, den Status Quo offen anzugreifen, sich der Norm und Binarität, den Geschlechtervorstellungen und Körperidealen zu verweigern. Glitchende Körper – vielleicht sogar Anti-Körper – unbeugsam, gleichermaßen anziehend und abstoßend. Glitch bedeutet in diesem Fall nach Russell eine produktive Kraft des Widerstands gegen ein soziales System, das Gewalt gegen Körper ausübt. Ein System, das bereits ökonomisch, rassistisch, sozial, sexuell und kulturell gestört ist. Innerhalb dieses Systems ist der Glitch ein produktiver Störmoment des Konventionellen, der Ausgangspunkt für Veränderung und als Kern der Mutation unmittelbar mit dem grotesken und hybriden Erscheinungsbild der Mutanten verbunden.
Dae Uk Kims Kunst ist eine Einladung, die Perspektive zu wechseln. Auf Augenhöhe eröffnet sie die Möglichkeit, das Gefühl des Außenseitertums und des Andersseins in der heteronormativen Gesellschaft zu reflektieren und dabei Vorurteile zu hinterfragen. So geht es nicht mehr darum, den Mutanten als fremde, angsteinflößende Kreatur wahrzunehmen, sondern in ihm das Vertraute, Weiche und Sanfte zu entdecken – den Blick auf seine Erhabenheit und sein eigenes Begehren zu lenken. Dae Uk Kims Mutanten sind in ihrer visuellen Erscheinung grotesk,hybrid, glitchend gleichermaßen und widersetzen sich hierin äußeren Einschränkungen und Zuschreibungen. Sie fordern die Normalität heraus und hinterfragen allgemeingültige Schönheitsnormen. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Mutation als Impulsgeber, um den Status Quo ins Wanken zu bringen. Mit ihrer einzigartigen Ästhetik provoziert die Kunst so letztlich ein Umdenken.
